Die Zukunft ist zum Greifen nah

Eine Spurensuche im Weißgerberviertel

Die Zukunft ist zum Greifen nah

Eine Spurensuche im Weißgerberviertel

Wie sich mein Grätzel verändert hat und was noch alles gehen würde. Wenn wir uns trauen.

Bei einer Szene der Krimiserie „Kottan ermittelt“ aus dem Jahr 1981 habe ich als Bewohner des Weißgerberviertels kurz aufgemerkt. Da fährt Polizei-Major Kottan mit dem Auto von der Löwengasse quer über den Kolonitzplatz an der Schule vorbei und biegt beim „Kolonitzbeisl“ links ab. Inzwi-schen ist das schwer vorstellbar, denn der Platz sieht gänzlich anders aus: Wo einst zwischen Schule und Kirche eine Fahrbahn und Parkplätze waren, ist heute ein gut besuchter Spielplatz und eine Reihe Kastanienbäume. Der Umbau war aber schon vor meiner Zeit und so konnte ich nach der Schule bereits den Spielplatz benutzen. Um zur Schule und zum Spielplatz zu kommen, musste ich in der 1. Klasse Volksschule noch drei Straßen mit Autoverkehr überqueren. Später war es nur mehr die Radetzkystraße, denn die Obere und die Untere Viaduktgasse waren bei der Schule dann ebenfalls autofrei. Anstelle der Fahrbahn stehen heute Bäume und der Schanigarten eines Lokals.

Nicht weit davon in der Kegelgasse, Ecke Löwengasse, wurde in meinem ersten Schuljahr 1985 eines der Wahrzeichen des Bezirks eröffnet: Ein Gemeindebau mit dem offiziellen Namen „Ökohaus“, der aber bald als „Hundertwasserhaus“ zu internationaler Bekanntheit gelangt ist. Neu war aber nicht nur die Ar-chitektur mit der bunten Fassade und den Bäumen, die seitlich und auf dem Dach herauswachsen. Zugleich wurde die Kegelgasse bis zur Unteren Weißgerberstraße zur Fußgänger*innenzone umgestaltet und mehrere Bäume gepflanzt. Die Fahrbahn und die Parkplätze gehen heute niemandem mehr ab. Den neu Zugezogenen ist oft gar nicht bewusst, welche Veränderungen vor wenigen Jahrzehnten passiert sind. Es ist für sie ganz normal, dass der Radetzkyplatz und der Kolonitzplatz ein kleiner „Superblock“ ohne querende Autos sind.

Die Ära der Schrägparker

Der vom Autoverkehr befreite öffentliche Raum blieb nicht ohne Folgen. In den 2000er Jahren erkannten die Betreiber des Gasthauses „Wild“ als erste das Potenzial des Radetzkyplatzes. Der Standort und das Konzept bewährten sich und lockten Gäste aus ganz Wien ins eher verschlafene Weißgerberviertel. Weitere Lokale folgten und der Platz füllte sich allmählich mit Schanigärten, bis es schon fast wieder zu eng wurde. Parallel dazu zogen in die einst leeren Geschäftslokale der Radetzkystraße und der Löwengasse allmählich kleine Restaurants, Galerien, Friseursalons und Fitnessstudios.

Von Seiten der Bezirkspolitik blieben die Impulse in den vergangenen 20 Jahren aber weitgehend aus. Bis auf die eher halbherzige Umgestaltung des „Löwenplatzls“ am Anfang der Löwengasse und der Unterführung zum Donaukanal gleich daneben passierte wenig. Der Baumkataster der Stadt Wien verrät auch, dass sehr wenige neue Baumpflanzungen hinzugekommen sind. Ein Fund in unseren Fotoarchiv zeigt, dass hier Ende der 1990er Jahre eine Jahrhundert-Chance vergeben wurde: Als das Parkpickerl in unserem Bezirk eingeführt wurde, gab es auf einmal freien Raum für alternative Nutzungen. Stattdessen war es das Zeitalter der Schrägparkplätze, um noch mehr Autos als bisher zwischen die Gründerzeithäuser zu stopfen.

Widerstand regt sich

Vereinzelt bewegte sich aber doch noch was: Vor 14 Jahren startete der Kulturverein „Das Dorf“ in der Oberen Weißgerberstraße eine Initiative zur Umgestaltung der Straßenecke bei ihrem Vereinslokal. Sie sammelten hunderte Unterschriften im Grätzel und so wurde statt den Parkplätzen ein kleiner „Dorfplatz“ mit einem Brunnen errichtet. Zwei Silberlinden sorgen seither für Schatten. Einige Blocks weiter hat das Kunsthaus und einige AnrainerInnen jahrelang dafür gekämpft, dass eine neue Baumscheibe in die Untere Weißgerberstraße kommt und diese 2018 auch bekommen. Die Agendagruppe „Buntes Weißgerbergrätzel“ konnte mühsam einen einzigen (noch nicht umgesetzten) neuen Baumstandort in der Bechardgasse erreichen. Dabei wurde den Beteiligten schnell klar: Bei der „Bewaldung der Städte“ wie sie Friedensreich Hundertwasser 1971(!) bereits gefordert hat, kommen wir mit dem heutigen Schema Gehsteig-Parkstreifen-Fahrbahn nicht weit. Überall ziehen Leitungen unter unseren Füßen durch die Stadt und verhindern neue Bäume in den Parkstreifen.

Alternativen sind gefragt wie Bepflanzungen mit Sträuchern und erhöhten Beeten. In Gassen ohne Fahrbahn könnten Pflanzen auch an den Rändern und in der Mitte in die Höhe wachsen, je nachdem wo und wie tief noch Platz ist. Im 2. Bezirk wurde bereits eine Straße komplett begrünt, in unserem Bezirk ist ein solches Pilot-projekt derzeit nicht vorstellbar.

Wo kommen wir denn da hin?

Denn wo sollen all die Autos stehen, wenn plötzlich dutzende (!) Parkplätze aus einer Straße verschwinden? Diese ewige Frage treibt immer noch viele um. Selbst jene, die gar keinen PKW besitzen. Nun, da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ein Teil würde wohl wieder in den Garagen stehen, wo sie nach der Parkpickerl-Einführung hergekommen sind. Ein anderer Effekt: Mit der Zeit würden etwas weniger Haushalte mit PKW in den Bezirk ziehen als wegziehen. Wenn am Ende von den rund 17.500 PKW mit Parkpickerl nur ein 1 Prozent jedes Jahr weniger auf der Straße steht, wären das in fünf Jahren 875 und in zehn Jahren 1750 Parkplätze. Mit 10 Quadratmeter pro Stück wären das 1,7 Hektar an Fläche. Damit kann man schon etwas anfangen. In der Seestadt Aspern gibt es übrigens fast keine Parkplätze auf der Straße und siehe da: Auch dort ist menschliches Leben immer noch möglich.

Die steilste Prognose habe ich mir aber für den Schluss aufgehoben: In ein paar Jahren wird das im Weißgerberviertel und anderen Teilen des Bezirks ganz normal sein. Es wird autofreie Gassen mit spielenden Kindern geben und niemand wird den Parkplätzen nachweinen. Die Landstraßer Hauptstraße wird eine Begegnungszone sein, beim Rochusmarkt vielleicht sogar eine Fußgänger*innenzone, wer weiß. Und der heutige Zustand wird einem total absurd vorkommen.Offenbar gab es bereits eine Zeit, in der mehr gegangen ist. Das Hundertwasserhaus ist bis heute eine Erinnerung daran, was alles möglich wäre. Es ist kein weiter Weg dorthin, es brauch nur ein bisschen Sehnsucht.

 

Der Artikel ist in unserer Zeitung GRÜN 3.0 erschienen. Die ganze Zeitung findet ihr hier als PDF-Download

 

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