Grüner Mythos Nr. 2

"Die Menschheit wird schon nicht aussterben!"

Grüner Mythos Nr. 2

"Die Menschheit wird schon nicht aussterben!"

Stefan Soher geht in einer Reihe einigen Mythen über die Grünen auf den Grund. Heute: Die Klimakrise und was uns das angeht.

Warum reden wir so viel über die Klimakrise? Was ist daran so bedrohlich? Die Aktivist_innen von Fridays for Future haben Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka mit dieser Frage konfrontiert. Seine Antwort: “Wir werden schon nicht aussterben.

Nun, damit hat er vermutlich recht. Die Spezies Homo Sapiens hat in den mehr als 100.000 Jahren ihrer Existenz schon mehrere einschneidende Änderungen des Klimas auf der Erde überlebt und sich angepasst. Dass wir aussterben, ist zumindest recht unwahrscheinlich.

Allerdings ist das keine besonders hohe Latte. Große Klimaveränderungen – keine davon mit derart atemberaubendem Tempo wie die aktuelle – führten nämlich immer zu großen sozialen und politischen Verwerfungen, zu Kriegen, ja zum Zusammenbruch ganzer Zivilisationen. Nein, das Überleben der Menschheit kann uns als Ziel nicht genügen. Wir müssen anstreben, unsere Gesellschaft stabil, den sozialen Frieden aufrecht zu halten, und das ist eine viel, viel größere Herausforderung.

In einer Stadt wie Wien – wir erinnern uns: Der Grundsatz heißt “Global denken, lokal handeln” – verfolgen wir dazu eine zweiteilige Strategie: Die Erwärmung des Planeten so gut es geht noch zu begrenzen, und das Leben in der Stadt an die unvermeidliche Erwärmung, die bereits stattfindet und mindestens den Rest des Jahrhunderts andauern wird, anzupassen. Zur Verlangsamung der Erwärmung können wir in erster Linie den Ausstoß von Treibhausgasen – neben dem bekannten Kohlendioxid vor allem Methan – so stark wie möglich reduzieren. Dabei müssen alle Verursacher mitspielen, der Verkehr, die Industrie, auch die Landwirtschaft. Der Grüne Teil der Bundesregierung dreht in diesem Zusammenhang jetzt erstmals an den großen Schrauben, sei es das 1-2-3-Ticket, das Gesetz zum Ausbau erneuerbarer Energien, zahlreiche Förderungen und weitere Maßnahmen. Mehr dazu im vierten Teil dieser kleinen Serie.

Aber wie können wir uns anpassen? Nun, auch hier haben wir wieder zwei Möglichkeiten, die wir beide voll nützen müssen, nämlich zu verhindern, dass sich die Stadt aufheizt, und gleichzeitig aktiv zu kühlen. Würden wir das nicht tun, müssten wir damit rechnen, dass sich Wien noch viel stärker aufheizt als der Durchschnitt der Erde, nämlich um vier oder im Extremfall bis zu acht Grad. Das würde Temperaturrekorde von weit über 40 Grad im Sommer bedeuten. Die Nächte, in denen es nicht mehr unter 25 Grad abkühlt würden eher die Regel als die Ausnahme.

Klimapolitik ist Gesundheitspolitik

Ein solches Klima bliebe nicht ohne Auswirkung auf die Menschen, die hier wohnen. Die Hitze ist nicht nur unangenehm, sie wirkt sich direkt auf unsere Gesundheit aus. Das betrifft vor allem das Herz-Kreislaufsystem, was bei Menschen mit chronischen Vorerkrankungen durchaus lebensgefährlich sein kann. Schon jetzt gibt es durch die Hitze in der Stadt eine messbare Übersterblichkeit – in Jahren mit Hitzesommer sterben mehr Menschen, als es im langjährigen Durchschnitt zu erwarten wäre –, die mit fortschreitender Erwärmung noch steigt. Dazu kommt eine erhöhte Belastung durch bodennahes Ozon, das sich vor allem auf die Atemwege auswirkt.

Klimapolitik ist Sozialpolitik

Elferfrage: Wen trifft die Hitze in der Stadt am meisten? Richtig, die, die in kleinen, schlecht belüfteten Wohnungen ohne Klimaanlage, Garten oder Balkon wohnen, weil sie sich nichts Anderes leisten können. Menschen mit geringem Einkommen und Familien mit mehreren Kindern zum Beispiel. Mehr dazu im dritten Teil dieser Serie.

Das sind nicht zufällig genau die, die schon unter “normalen” Bedingungen darauf angewiesen sind, einen Teil ihres Familienlebens auf die Straße zu verlagern. Öffentliche Grünräume, Spielplätze und so weiter sind für diese Menschen besonders wichtig. Und hier kommen wir wieder auf das Problem der Platzverteilung zu sprechen, um das es auch schon im ersten Teil ging. Räume für Menschen sind in der Stadt nämlich Mangelware, und das liegt zu einem nicht unbeträchtlichen Teil daran, dass zwei Drittel davon nur – die Wissenschaftler nennen das “monofunktional” – für den Autoverkehr bestimmt sind.

Diese Flächen sind in der Regel asphaltiert, was aus Klimasicht der schlechteste Belag überhaupt ist. Er versiegelt den Boden besonders gut, lässt praktisch kein Wasser durch, weder nach unten versickern noch nach oben verdunsten. Und er ist schwarz und heizt sich dadurch besonders stark auf. Viel besser wäre es, einen beträchtlichen Teil davon wieder aufzubrechen, also zu entsiegeln, und zu bepflanzen, am besten mit Bäumen, aber auch jede andere Vegetation hilf schon. Sogar Gras, das aus Ritzen sprießt, hat schon einen messbaren Effekt auf das Mikroklima, wie unsere Alsergrunder Bezirksrätin Christa Schmid in diesem Beitrag anschaulich zeigt.

Die natürlichen Klimaanlagen der Stadt sind Bäume. Ein Baum trägt doppelt zur Abkühlung seiner Umgebung bei: Er spendet Schatten und er kühlt durch die Verdunstung an seiner Oberfläche die Umgebungsluft direkt. Je größer ein Baum ist, desto stärker ist natürlich die Wirkung, und weil es sehr lange dauert, bis ein Baum groß wird, müssen wir so bald wie möglich so viele Bäume wie möglich pflanzen – insbesondere in jenen Straßen, wo es jetzt noch wenig Schatten und gar keine Begrünung gibt.

Als Ergänzung hilft es auch, Wasser direkt an die Oberfläche zu bringen. Die natürlichen Wasserläufe sind in Wien ja fast alle eingefasst und unterirdisch geführt. Die Landstraße hat davon überhaupt sehr wenige. Es hilft aber auch schon, Brunnen aufzustellen, kleine Wasserläufe zu installieren, Wasserspielplätze und, ja, auch die bekannten Nebelduschen zu installieren. Der Wasserverbrauch letzterer ist übrigens geringer, als man glaubt, pro Tag etwa so viel, wie ein Mensch zum Duschen brauchen.

Klimapolitik ist Wirtschaftspolitik

Die Umgestaltung der Stadt ist zugegebenermaßen nicht billig. Andererseits stützt sich die Wirtschaft gerade in Krisenzeiten auf öffentliche Investitionen. Wir geben gerade sehr, sehr viel Geld aus, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Was läge näher, als dieses Geld gezielt so einzusetzen, dass wir klimafreundliche Innovation besonders fördern? Das Motto muss lauten, in die Zukunft investieren, nicht in die Vergangenheit. Es geht hier um neue Formen der Energiegewinnung und -speicherung ebenso wie um die Möglichkeit, statt Menschen und Gütern Informationen um den Globus zu schicken, wie sie uns die fortschreitende Digitalisierung eröffnet. Es geht aber auch um eine naturnähere Landwirtschaft und die Frage, wie wir uns in Zukunft ernähren können, und wie wir Produzent_innen und Konsument_innen wieder näher zusammen bringen. All das sind sinnvolle Investitionen, die aus der Klimakrise sogar eine Chance machen.

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